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"Transcriptio" im hier verstandenen Sinne soll heißen: die Übertragung überkommener deutscher Schreibschrift in heutige Druckschrift. Die Transkription stellt somit den Schlüssel zum Inhalt eines alten handschriftlichen Textes dar. Allerdings reicht diese allein oft nicht aus. Denn vielfach enthalten die lesbar gemachten Texte Begriffe, die in der heutigen Sprache nicht mehr verwandt werden, z. B. Bezeichnungen für Berufe, die es heute nicht mehr gibt.


Ludwig Sütterlin (1865-1917) war Kunstgraphiker und Pädagoge und hat für die deutsche Schreibschrift - die sogenannte Kurrentschrift - ein vereinfachtes Alphabet entworfen. Er lehrte an der Unterrichtsanstalt des königlichen Kunstgewerbemuseums zu Berlin, den späteren Vereinigten Staatsschulen für freie und angewandte Kunst, wo er u. a. Lehrgänge in künstlerischer Schrift abhielt.

Seit Oktober des Jahre 1911 hielt Sütterlin im Auftrage des Königlich Preußischen Kultusmini-steriums "Schreibkurse für Vorschullehrer und Volksschullehrer" ab. Die Schreibkurse hatten die Form von Arbeitsgemeinschaften und die Fortentwicklung der deutschen Schreibschrift zum Ziel. Die dort im Zusammenwirken von Fachleuten verschiedener Profession erarbeiteten Schriften 
legte der preußische Kultusminister einem zu diesem Zwecke einberufenen Sachverständigen-ausschuß zur Prüfung vor, der sie - von geringfügigen Änderungen abgesehen - billigte.





Um die Schrift zu erlernen, hatte Sütterlin in seinen Schreibkursen ein pädagogisches Konzept entworfen, das drei Stufen vorsah: als erste Stufe das "aufbauende Schreiben", als zweite Stufe eine sogenannte "Übergangsstufe" und als dritte Stufe das "fließende Schreiben", bei dem es neben der "Flüssigkeit" des Schreibens um die "Deutlichkeit" und die "Schönheit" der Schrift ging.

Wesentlich für das Erlernen der Schrift war in der ersten Stufe das sogenannte "Schreibturnen":



Anlaß zur Entwicklung einer neuen Schrift war für Sütterlin "der allgemeine Verfall des Formgefühls", der im 19. Jahrhundert nach seiner Ansicht auch vor der Schrift nicht haltgemacht hatte und der sich vor allem bei der Verkehrsschrift, also der Gebrauchsschrift, äußerte. Hinzu kam der hohe Schwierigkeitsgrad der bisherigen Schrift:

"Unsere bisherige Schrift ist eine Kunstschrift, die außer den berufsmäßigen Schreibkünstlern niemand richtig schreiben kann. Auch unter den Lehrern gibt es nur wenige, die sie wirklich beherrschen."

Gefordert wurde eine neue Schrift aber auch von den Vertretern der Kunst. Schreiben sollte der Kunsterziehung der Kinder dienen und sowohl deren ästhetisches Empfinden als auch deren motorische Fähigkeiten - insbesondere die Fingerbeweglichkeit - fördern:

"Und weiterhin müssen wir heute mehr als je darauf bedacht sein, neben den Fähigkeiten des Geistes auch die des Körpers und nicht zuletzt die Geschicklichkeit der Hand nach Möglichkeit zu entwickeln. [...] Neben den eigentlichen Handfertigkeitsübungen gibt es aber kein Schulfach, das für die feinere Ausbildung der Hand besser geeignet wäre, als ein planmäßig auf dieses Ziel gerichteter Schreibunterricht."

Die neue Schrift sollte leichter zu erlenen sein. Sie sollte an die kindliche Auffassungs- und Darstellungsfähigkeit nur geringe Anforderungen stellen. Aus diesem Grunde wurden u. a. der sogenannte Flammstrich, der Keilstrich und alle Verstärkungen der Buchstabenzüge getilgt.
Die Strichstärke wurde vereinheitlicht. Bestimmte Großbuchstaben durften neuerdings mit Nachbarbuchstaben verbunden werden, wodurch das bisher oft notwendige ein-, zwei- und selbst dreimalige Aufheben der Feder entfiel und ein flüssigeres Schreiben möglich war. Einer größeren Deutlichkeit der Schrift diente die größere Weite der Buchstaben sowie die Entfernung aller entbehrlichen Züge der einzelnen Buchstaben. Bei all dem war Sütterlin bemüht, die Eigenheiten der deutschen Schrift gegenüber der lateinischen Schrift zu wahren.



Das Schreibkonzept wurde zunächst in der 39. und der 222. Berliner Gemeindeschule und weiterhin in einer größeren Anzahl von Berliner Schulen versuchsweise eingeführt. Später wurde es auf Stadt- und Landschulen der Rheinprovinz und der Provinz Westfalen ausgedehnt. Im Jahre 1935 wurde die deutsche Schreibschrift in allen Schulen des Reiches eigenständiges Lehrfach. Die Sütterlin-Schrift diente dabei als Grundlage.

Dieses Schriftsystem hatte allerdings nur für sechs Jahre Bestand. Ab dem Schuljahr 1941/42 wurde die deutsche Schreibschrift in der Schule schon nicht mehr gelehrt. Statt dessen wurde die sogenannte Normalschrift vermittelt, die aus lateinischen Buchstaben entwickelt worden war. Kurze Zeit zuvor, im Januar 1941, waren Presse und Druckereien in Deutschland angewiesen worden, statt der bis dahin als Druckschrift gebräuchlichen Frakturschrift mit gotischen Lettern die
"Antiqua-Schrift" mit lateinischen Lettern zu verwenden.  

Die sogenannte Sütterlin-Schrift war die letzte Stilform, zu der sich die deutsche Schrift seit dem 16. Jahrhundert entwickelt hatte. Die Diskussion um den Übergang von der deutschen zur lateinischen Schrift und damit zu einer Vereinfachung der Schrift war seitdem geführt worden.
So hatte beispielsweise schon Jakob Grimm (1785-1863) die Erhaltung der deutschen Schrift für nicht notwendig erachtet. Dem hielten die Befürworter der deutschen Schrift entgegen, daß das  Schriftbild durch deren Abschaffung verarme.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte man in Deutschland nicht zur deutschen Schrift zurück. Konnte man darin unmittelbar nach dem Kriege eine Maßnahme sehen, die in den Bereich des Abbaus nationalistischer Vorstellungen gehörte, so mag diese Entscheidung vor dem Hintergrund des  europäischen Integrationsprozesses und der sogenannten Globalisierung als Notwendigkeit erscheinen. Deutschland ist damit in die Schreibgemeinschaft der europäischen Völker zurückgekehrt.


Sütterlin, Ludwig, Neuer Leitfaden für den Schreibunterricht, Berlin 5. Auflage 1926 (alle obigen wörtlichen Zitate sind hieraus entnommen).

Dülfer, Kurt, Bemerkungen zum Verhältnis von Schreibschrift und Kunst in der Neuzeit, in:
Ders. u. Korn, Hans-Enno, Schrifttafeln zu deutschen Paläographie des 16. - 20. Jahrhunderts
(= Veröffentlichungen der Archivschule Marburg. Institut für Archivwissenschaft, Nr. 2),
Marburg 11. Auflage 2004, S. 11-44.




Transkription:


Schriftbeispiel für die deutsche Kurrent

Was ist Aufklärung?
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner
selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist
das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung
eines anderen zu bedienen. Selbst verschuldet ist diese
Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am
Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung
und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines
anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich
deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der
Wahlspruch der Aufklärung.
...

Im[m]anuel Kant, 1784





 
     
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